Islandpferde als Haustier: Was Halter wissen müssen

Wer ein Islandpferd hält, merkt schnell: Diese Tiere spielen in einer eigenen Liga. Sie sind keine Miniaturversion anderer Pferderassen, sondern ein eigenständiger Typ mit jahrtausendealter Geschichte, klaren Bedürfnissen und einer Persönlichkeit, die viele Halter überrascht. Bevor man sich für ein solches Tier entscheidet, lohnt es sich, genau hinzusehen, was diese Haltung im Alltag bedeutet.

Herkunft und Charakter: Keine gewöhnliche Pferderasse

Islandpferde stammen von Tieren ab, die nordische Siedler im 9. und 10. Jahrhundert nach Island mitbrachten. Weil die Insel seit über tausend Jahren keine Pferdeimporte mehr erlaubt, blieb die Rasse genetisch isoliert. Das Ergebnis ist ein Tier, das an extreme Bedingungen angepasst ist: raues Klima, karge Weiden, unwegsames Gelände. Diese Herkunft prägt bis heute das Verhalten der Tiere.

Islandpferde gelten als aufgeweckt, eigenwillig und sehr menschenbezogen. Sie sind neugierig, merken sich Routinen schnell und reagieren sensibel auf Stimmungen ihrer Halter. Gleichzeitig können sie stur wirken, wenn Anweisungen unklar sind oder die Beziehung zur Bezugsperson noch nicht gefestigt ist. Wer diese Eigenheiten versteht, kommt mit den Tieren sehr gut aus. Wer erwartet, ein einfach zu führendes Freizeitpferd zu kaufen, wird sich umstellen müssen.

Stockmaß und Kraft: Klein, aber kein Pony

Islandpferde erreichen ein Stockmaß von meistens 130 bis 145 Zentimetern. Trotzdem werden sie als Pferde bezeichnet, nicht als Ponys. Das ist keine Wortklauberei: Sie sind für ihr Körpergewicht außergewöhnlich tragfähig. Erwachsene Reiter mit einem Körpergewicht bis zu 90 Kilogramm können von einem gut gebauten Isländer problemlos getragen werden.

Ihre Robustheit zeigt sich auch in der Langlebigkeit. Viele Islandpferde werden 30 Jahre und älter, bleiben dabei aber deutlich länger reitbar als andere Rassen. Ein 25-jähriges Islandpferd, das noch regelmäßig geritten wird, ist keine Seltenheit. Das hat Konsequenzen für die Planung: Wer ein junges Tier kauft, geht eine Verantwortung ein, die Jahrzehnte dauern kann.

Die fünf Gangarten: Was Tölt und Pass bedeuten

Das bekannteste Merkmal der Rasse ist ihre Fünfgängigkeit. Neben Schritt, Trab und Galopp beherrschen viele Islandpferde den Tölt und den fliegenden Pass. Der Tölt ist ein viertaktiger Vorwärtsgang ohne Schwebephase, bei dem der Reiter kaum erschüttert wird. Für Reiter mit Rückenproblemen oder Menschen, die lange Ausritte unternehmen wollen, ist das ein echter Vorteil.

Der fliegende Pass, bei dem beide Beine einer Seite gleichzeitig aufgesetzt werden, ist ein Tempogang, der vor allem bei Rennen eingesetzt wird. Nicht alle Islandpferde gehen Pass von Natur aus, und nicht jedes Tier muss ihn lernen. Für Freizeitreiter ist der Tölt die praktisch relevantere Gangart. Wer ein Islandpferd kauft, sollte sich vorher klar sein, welche Gangarten ihm wichtig sind und das Tier entsprechend gezielt auswählen und prüfen lassen.

Haltung und Fütterung: Weniger ist oft mehr

Islandpferde sind Robustpferde im eigentlichen Sinne. Sie brauchen weniger Kraftfutter als viele andere Rassen und neigen bei falscher Fütterung schnell zu Übergewicht und Hufrehe. Ein erwachsenes Islandpferd, das moderat geritten wird, kommt in der Regel mit Heu, Wasser und einem Mineralfuttermix aus. Kraftfutter ist nur bei intensiver Arbeit oder bei speziellen Bedürfnissen sinnvoll.

Offenstallhaltung mit ausreichend Auslauf und Sozialkontakt zu Artgenossen ist für diese Tiere ideal. Sie sind Herdentiere und leiden unter Einzelhaltung. Ein Islandpferd allein ohne Artgenossin oder Artgenossen zu halten, ist tierschutzrechtlich und verhaltensmäßig problematisch. Zwei Pferde gemeinsam zu halten erhöht zwar den Aufwand und die Kosten, entspricht aber dem natürlichen Bedürfnis der Tiere.

Wer sich einen umfassenden Überblick über Herkunft, Eigenschaften und Haltungsanforderungen dieser Rasse verschaffen möchte, findet bei Islandpferde gut aufbereitete Informationen, die auch für Einsteiger verständlich sind.

Ausbildung: Konsequenz und Geduld zahlen sich aus

Islandpferde lernen schnell. Das ist ein Vorteil, kann aber auch zum Problem werden, wenn unerwünschtes Verhalten sich festigt. Wer ein Islandpferd ausbildet oder ein bereits ausgebildetes Tier übernimmt, sollte klare Regeln konsequent einhalten. Inkonsequenz führt bei dieser Rasse schnell dazu, dass das Pferd die Initiative übernimmt.

Besonders junges Islandpferde sollten erst ab einem Alter von etwa fünf Jahren regelmäßig geritten werden. Der Bewegungsapparat dieser Rasse reift langsamer als bei manchen anderen Pferden, und zu frühes Reiten kann langfristige Schäden verursachen. Viele seriöse Züchter weisen darauf hin und geben Jungpferde entsprechend erst spät in den Reitbetrieb.

Typische Anfängerfehler bei der Islandpferdehaltung

  • Überfütterung: Kraftfutter ohne Bedarf führt zu Hufrehe, einem der häufigsten Gesundheitsprobleme der Rasse.
  • Einzelhaltung: Islandpferde brauchen Artgenossen, nicht nur Sichtkontakt zu anderen Tieren.
  • Zu frühes Einreiten: Vor dem fünften Lebensjahr sollte kein regelmäßiges Reiten stattfinden.
  • Unterschätzung des Charakters: Diese Pferde sind keine gutmütigen Anfängertiere ohne eigenen Kopf.
  • Fehlende Gangartprüfung vor dem Kauf: Wer Tölt möchte, muss das Pferd vorher reiten und beurteilen lassen.

Kosten und Verantwortung realistisch einschätzen

Die Anschaffungskosten für ein Islandpferd liegen je nach Ausbildungsstand und Gangartqualität zwischen 2.000 und 15.000 Euro, bei besonders gangstarken Tieren auch darüber. Hinzu kommen laufende Kosten für Stall oder Weide, Hufpflege alle sechs bis acht Wochen, Tierarzt, Impfungen, Entwurmung und Ausrüstung. Realistisch gerechnet kommen im Jahr schnell 3.000 bis 5.000 Euro zusammen, abhängig von Region und Haltungsform.

Wer ein Islandpferd als Haustier hält, übernimmt eine langfristige Verpflichtung gegenüber einem intelligenten, sozialen und anspruchsvollen Tier. Wer sich damit bewusst auseinandersetzt und die Rasse nicht romantisiert, findet in einem Islandpferd einen außergewöhnlichen Begleiter für viele Jahre.

Dr. Julia Berger ist Tierärztin mit Schwerpunkt Equidenmedizin. Thomas Krämer ist Islandpferdezüchter und Ausbilder mit über 20 Jahren Erfahrung.